Traum vom Fliegen
Einer griechischen Sage zufolge gab es in Knossos ein Labyrinth, in dem
der Minotaurus auf seine Opfer lauerte, bis ihn der Athener Theseus
tötete und mit Hilfe des Fadens, den Ariadne ihm mitgegeben hatte,
wieder aus dem Labyrinth herausfand. Daidalos, der Architekt des
Labyrinths, der zusammen mit seinem Sohn Ikaros eingesperrt gewesen
war, hatte es auf andere Weise geschafft, aus dem Labyrinth zu
entkommen: Der hatte Flügel aus Federn und Wachs angefertigt und das
Fliegen erfunden. Weil Ikaros nicht auf die Warnungen seines Vaters
hörte und höher hinauf wollte, geriet er zu nah an die Sonne, seine
Flügel schmolzen, und er stürzte ins Meer. Traurig landete Daidalos in
Sizilien.
Der Ingenieur, Erfinder und Naturforscher, Kunsthistoriker, Architekt, Bildhauer und Maler Leonardo da Vinci (1452 - 1519) studierte den Vogelflug und entwarf aufgrund seiner so gewonnenen Erkenntnisse Fluggeräte.
Auf dem Papier entwarf Melchior Bauer um 1765 einen hölzernen
Flugapparat mit kleinen vertikalen Schlagflügeln und großen, starren,
mit Seide bespannten Tragflächen. Dieser Entwurf wurde im Frühjahr 1921
in einem Archiv in Greiz südwestlich von Zwickau entdeckt.
Vor den Augen des bayrischen Königs und zahlreicher Zuschauer sprang
Albrecht-Ludwig Berblinger (1770 - 1829) am 31. Mai 1811 von einem
eigens für diesen Zweck errichteten Gerüst auf der Ulmer Adlerbastei.
Mit Hilfe seiner hölzernen Schwingen wollte er im Gleitflug die Donau
überqueren. Doch seine Kraft reichte nicht aus, um die Flügel zu
halten; sie klappten nach oben, und er stürzte in die Donau. Daraufhin
wurde der "Schneider von Ulm" mit Schimpf und Schande aus seiner
Heimatstadt vertrieben.
Erst Otto Lilienthal (1848 - 1896) gelang es, den Traum vom Fliegen zu
verwirklichen. Wie Leonardo da Vinci studierte er zunächst den
Vogelflug, zog daraus seine Schlussfolgerungen für den Gleitflug (Otto
Lilienthal: Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst. Ein Beitrag
zur Systematik der Flugtechnik, 1889), ließ dann 1894 im Süden von
Berlin, in Lichterfelde, 1894 einen Hügel aufschütten und begann mit
praktischen Experimenten. Nach zweitausend Gleitflugversuchen, bei
denen er bis zu 300 m weit durch die Luft glitt, starb er am 10. August
1896 an den Folgen einer Verletzung, die er sich bei einem Absturz in
den Stöllner Bergen zugezogen hatte.
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